Ich war/bin psychisch krank - Betroffene berichten

An dieser Stelle sollen Betroffene zu Wort kommen und berichten, wie es für sie war oder ist, "psychisch krank" zu sein. 

 

Den Anfang macht Katrin W. (46) - sie berichtet über ihren Weg in die Depression und zurück.

 

Lesen Sie in Katrins Blog, wie es Katrin ergangen ist und wie es ihr heute geht. 


Kathrin W. (46) – mein Weg in die Depression und zurück

Teil 1: Ich bin nicht depressiv

Im Nachhinein ist es für mich recht klar, wie sich die Depressionen bei mir angekündigt haben.

Ich war damals 30 Jahre alt. Mein Leben war eigentlich in Ordnung. Ich war zufrieden oder dachte es, zu sein. Ich hatte damals seit meiner Ausbildung als Bankangestellte gearbeitet. Immer in der gleichen Filiale. Mein Job war geordnet. Ich hatte einen guten Kontakt zu meinen Kollegen. In meiner Familie schien alles in Ordnung zu sein. Mein Mann und ich waren bereits seit 10 Jahren verheiratet, wir hatten einen vier Jahre alten Sohn und eine sechs Jahre alte Tochter. Mein Mann war damals im Verkauf tätig und hatte gute Verkaufserfolge. Wir hatten keine finanziellen Probleme. Trotzdem war es ein ständiges Jonglieren mit dem Job und den Kindern. Heute ist mir das klar, damals dachte ich, das gehört eben dazu. Ich hatte nach meiner Auszeit nach der Geburt unseres Sohnes wieder angefangen in Teilzeit zu arbeiten und arbeitete damals 30 Stunden pro Woche. Die Mutter meines Mannes lebte in der Wohnung unter uns und half uns, wo immer es ging. Sie holte meinen Sohn aus dem Kindergarten ab und kochte für die Kinder Essen. Sie beaufsichtigte sie auch am Nachmittag bis ich von der Arbeit kam. Ich war immer vor meinem Mann zu Hause und übernahm deswegen alle weiteren Pflichten im Haushalt. Ich ging direkt nach der Arbeit einkaufen und an anderen Tagen putzte ich in der Wohnung oder erledigte die Wäsche. Mein Mann hatte dafür kaum Zeit. Er war beruflich stark eingebunden und häufig unterwegs. An vielen Tagen kam er abends nicht nach Hause, sondern übernachtete an seinem Tätigkeitsort. Wenn er abends an anderen Tagen heimkam, war unser Kontakt spärlich. Er war aufgrund seines Berufs gestresst und ich wollte ihm so viel wie möglich abnehmen. Wie gesagt, ich fühlte mich damals zufrieden. Ich hatte mir die Kinder gewünscht, wir planten sogar den Kauf eines Hauses und schauten uns immer wieder einmal Baugrundstücke und auch Bestandsimmobilien an. Ich dachte mir oft, wie gut ich es habe, und jammern kam auch deswegen für mich nicht in Frage.

Deswegen fiel mir es damals selbst gar nicht auf, dass ich mich plötzlich morgens unausgeruht und gereizt fühlte. Schließlich schläft jeder einmal schlecht. Im Nachhinein ist mir jedoch klar, dass es bei mir mehr war, als nur schlecht schlafen. Kleinigkeiten am Arbeitsplatz belasteten mich damals plötzlich übermäßig stark. Wenn ein Kunde vielleicht nicht freundlich guten Tag gesagt hatte, konnte mich das stundenlang beschäftigen. Wenn es Mitarbeitergespräche gab, in denen mitgeteilt wurde, dass es Beschwerden von Kunden gegeben hatte, überlegte ich oft stundenlang, ob es an mir gelegen hatte. War ich vielleicht nicht freundlich genug gewesen? Habe ich Fehler gemacht und sie nicht gemerkt? Tatsächlich habe ich damals schon häufig Fehler gemacht. Besonders Kleinigkeiten, die eigentlich kein Problem sein sollten, waren für mich häufig schwer. Ich war gedanklich stark abgelenkt, dachte ständig daran, was ich noch erledigen muss. Zunehmend hatte ich auch Ängste entwickelt, ich dachte mir selbst aus, was wohl alles passieren könnte. Ob mit den Kindern wohl alles in Ordnung ist? Wenn ich mitbekam, dass es im Kindergarten oder in der Schule kleinere Auseinandersetzungen gegeben hatte, hatte ich plötzlich große Angst, dass meinem Sohn oder meiner Tochter etwas Schlimmes passiert sein könnte. Ich hatte auch Angst vor möglichen Krankheiten, an denen meine Kinder leiden könnten. Jede kleine Erkältungskrankheit, jedes Husten bestätigte mich darin, dass einer von den beiden schwer krank sein könnte. Fernsehsendungen, die sich um Krankheiten oder andere negative Dinge wie Naturkatastrophen oder Unfälle drehten, konnte ich damals schon nicht mehr ertragen. Ich bemerkte gleichzeitig auch, dass ich immer unausgeglichener wurde. Besonders Lärm war für mich schwer zu ertragen. Ich erinnere mich daran, dass ich deswegen auch die Kinder manchmal angebrüllt habe und schäme mich heute dafür. Obwohl ich damals schon andauernd erschöpft war, kam ich nie zur Ruhe. Besonders abends, wenn ich im Bett lag, war an Schlafen nicht mehr zu denken. Ich wälzte mich herum und in meinem Kopf sprudelten die Gedanken, daran, was ich alles erledigen müsste und daran, was möglicherweise schiefgelaufen sein könnte und noch schieflaufen würde. Um meinen Mann nicht zu belasten, habe ich ihm nie davon erzählt, wie es mir ging. Ich schämte mich auch dafür, kam mir schwach vor und hatte das Gefühl, irgendwie funktionieren zu müssen, für die Familie. Immerhin ging es mir ja gut, oder? 

 

Teil 2 in Kürze.